Projektbericht 2011

Zweites Projektjahr

h3> Das Spar- und Mikrokreditprojekt in Mali steht im zweiten Jahr. Partner der Hirschmann-Stiftung ist Swisscontact. Swisscontact hat in Mali Herrn Ulrich Stucki mit der operativen Leitung des Projekts beauftragt. Der Stiftungsrat bedankt sich bei Herrn Stucki für die qualifizierte Arbeit. Das Projekt begann im Januar 2010 und erstreckt sich über drei Jahre. Die Stiftung engagierte sich pro Jahr mit ca. CHF 100'000.–.

89 Spar- und Kreditgruppen

Initiative Frauen und Männer in Mali mit einer Berufsausbildung im Handwerk oder in der Landwirtschaft sollen durch eine selbst, mit eigenem Geld organisierte Mikrofinanzierung die Chance erhalten, eine eigenständige, Einkommen schaffende Tätigkeit aufzubauen. Diese wiederum soll ihnen ermöglichen, den Lebensunterhalt für sich und ihre Familie selbst zu verdienen.

Das Projekt hat sich erfolgreich etabliert. Im Berichtsjahr bestanden in der Region Sikasso im Süden von Mali 89 Spar- und Kreditgruppen in 39 Dörfern, die von einhemischen Beratern begleitete werden. Die Nachfrage war unerwartet gross.

Das Bild zeigt den Kassier einer Spar- und Kreditgruppe im Bezirk Bougouni bei der monatlichen Abrechnung und Führung des Kassabuches im Kreise der Mitglieder der Spar- und Kreditgruppe.

Selbstverwaltung

Die Spar- und Kreditgruppen konnten aus eigenen Mitteln, ähnlich einer Genossenschaft, bis Ende 2011 ein Sparkapital von CHF 100'000.– aufbauen. Das Sparkapital stellen die Gruppen den in der Gruppe aktiven Bäuerinnen, Ladenbesitzerinnen und Handwerkern als kurzfristige Kredite zur Verfügung. Die Höhe der Sparzinsen und der Kreditzinsen werden von der Gruppe festgelegt. Da es sich um Spareinlagen der Gruppe selbst handelt, ist ein persönliches Engagement der Spareinleger einerseits und der Kleinunternehmer anderseits in den monatlichen Zusammenkünften der Gruppe gewährleistet.

Eine wichtige Rolle spielen die ausgebildeten Berater. Sie zeigen den Gruppen wie der Spar- und Kreditprozess abläuft, wie über die Einlagen und die Kredite Buch geführt werden muss, wie die Zinsen berechnet werden.

Insgesamt 2089 Personen nehmen bis heute - zwei Jahre nach Beginn des Projekts - aktiv an den Spar- und Kreditgruppen teil. Der Mindestbeitrag pro Teilnehmer und Monat beträgt 1 Franken, die Maximaleinlage pro Teilnehmer und Monat 4 Franken. Der Anteil der Frauen liegt bei 73%.

Die Zusammensetzung der Gruppen ist unterschiedlich: in etwa 75 Gruppen sind Bäuerinnen, Handwerkerinnen und Ladenbesitzerinnen aktiv, weiter gehören dazu eine Milchkooperative, eine Viehzuchtgruppe, eine Fischergruppe und eine Geflügelkooperative.

Besonderes Gewicht wird auf die Nachhaltigkeit gelegt. Ziel ist es, die Gruppen immer mehr an die Selbstverantwortung und die Selbstorganisation heranzuführen.

Die Bilder zeigen Mitglieder einer Spar- und Kreditgruppe im Bezirk Bougouni, Region Sikasso, während der monatlichen Sitzung, an der einerseits von den Gruppenmitgliedern Spareinlagen gemacht und anderseits Kredite an Gruppenmitglieder gesprochen werden.

Die Geschichte von Sékou Kinta, Fischer

Sékou Kinta ist Präsident der Genossenschaft der Fischer aus Bougouni. Seine Geschichte ist eng mit der Geschichte der Fischereigenossenschaft in Bougouni verknüpft. Er hat im Jahr 2006, zusammenmit einem Freund, die Fischereigenossenschaft gegründet. Hauptziel der Genossenschaft ist der Ausbau von Teichen und die Entwicklung der Fischverarbeitung. Zweites Ziel ist ein soziales: die Genossenschafter wollen sich gegenseitig in ihrer beruflichen Tätigkeit als Fischer unterstützen. Dazu sagt Sékou: "Der Bund ist die Stärke."

Die Fischereigenossenschaft hat sich im Rahmen des Projekts als WASA-Spar- und Kreditgruppe mit 26 Mitgliedern konstituiert. WASA bedeutet Hoffnung. Sékou und die Genossenschafter wollten damit ihr zentrales Problem der Liquidität und des Zugangs zu Krediten lösen. Am Anfang wollte niemand einen Kredit aufnehmen, da die Gruppe noch neu war und das Vertrauen fehlte. Die ersten Sparbeiträge wurden im Dezember 2010 im Wert von 52 Fr. einbezahlt.

Sékou glaubte fest an den Erfolg der Spar- und Kreditgruppe und hatte im 2011 drei Kredite beansprucht. Mit dem ersten Kredit, welcher ihm im Dezember 2010 erteilt wurde, konnte er Fischernetze kaufen. Mit dem zweiten und dritten Kredit von jeweils 20 Fr„ die er im April und Mai 2011 aufgenommen hatte, kaaufte er weitere Netze. Er erklärte, dass zur Aufrechterhaltung der Fischproduktion auf gleichem Niveau es notwendig ist regelmäßig neue Netze zu kaufen.

Die Rechnung ist einfach: Mehr Fischernetze bedeutet mehr Angeln 1 Fischen und Umsatzsteigerung. Mit den Krediten der WASA-Gruppe und dem Gewinn konnte er sich schlussendlich 10 Netze leisten, was einer Verdoppelung der Produktion entspricht. Dank der Gruppe kann er produktiv bleiben und sogar 50% mehr verdienen. Die Rückzahlung der Kredite mit einem Zinssatz von 10% pro Monat ist einfach für Sékou, denn der Gewinn ist unverzüglich. Mit dem sofortigen Verkauf von 40 bis 50 Kilogramm kann er den Kredit zurückzahlen und erst noch Gewinn machen.

Nachdem er den Fisch gefangen hat, wird er nicht direkt den Konsumenten, sondern den Händlerinnen Verkauft. Die Preise variieren je nach Fischgrösse. Der Kilopreis liegt zwischen 1 und 2 Fr. was einem Bruttogewinn pro Fischfang zwischen 50 bis 100 Fr. ohne Produktionskostenabzug entspricht.

Den WASA-Kredit hat Sékou nicht nur um die Produktion zu erhöhen aufgenommen, sondern auch um seine beruflichen Aktivitäten weiter zu entwickeln.

Vor zwei Monaten reiste er mit seinem gesparten Geld nach Mopti am Niger. Dort kaufte er aus Togo importierte Fischernetze direkt ein und fand einen Geschäftspartner, der Netze für ihn nach Bamako transportiert. Damit bekommt Sékou seine Netze nun viel billiger, ausserdem in besserer Qualität.

In Zukunft möchte er - aufgrund seiner neuen vorteilhaften Bezugsquelle - einen kleinen Laden für Netze eröffnen, um Netze zu verkaufen. Er denkt schon daran, Netze selbst aus Togo zu importieren und damit Gestehungskosten einzusparen. Mit einem WASA Kredit möchte er das Geschäft aufbauen, damit er auch im Alter noch produktiv sein kann.

Mah Doumbia, die Fischverkäuferin

Mah ist 32 Jahre alt und lebt mit ihrem Mann in einer Großfamilie von 36 Personen. Ihr Mann ist ein Fischer und um die Ausgaben der Familie zu decken, verkauft sie Fisch. Eine Tätigkeit, die sie vor zehn Jahren begann.

Sie ist Mitglied der Fischereigenossenschaft von Bougouni und sie beschloss 2010 in das Gemeinschaftsunternehmen der WASA-Spar- und Kreditgruppe einzutreten. Sie findet die Regeln des Sparens und der Kreditvergabe der Gruppe sehr korrekt. In ihrer Gruppe hatten sie nie ein Problem des Vertrauens.

Bis jetzt konnte Mah zwei Kredite von der Gruppe beziehen. Der erste war im April 2011 im Wert von rund 30 Fr., um Süßwasserfische wie Karpfen und „Samou", eine lokale Fischart, zu einzukaufen. Sie hat die Fische für 1.50 Fr. den Fischern abgekauft und sie für 2 bis 2.40 Fr. in Bougouni weiterverkauft.

Dieses Geschäft brachte ihr, mit der Rückzahlung des Kredites und der Zinsen, schlussendlich 10 Fr. Gewinn ein. Sie verwendet das Geld einerseits für Schulgebühren ihrer Kinder und anderseits um noch mehr Fische zu kaufen und verkaufen.

Das zweite Darlehen wurde ihr im Mai 2011 gewährt und sie hat 40 Fr. bekommen. Damit konnte Mah über 15 kg Fisch kaufen und einen Gewinn von 30 Fr. erzielen. Sie weist darauf hin, dass es sehr schnell zu Veränderungen in ihrem Betrieb gekommen ist.

Zunächst war Mah in der Lage ihren Umsatz zu erhöhen, da sie mehr Fische kaufen und verkaufen konnte. Sie erklärte, dass der Ankauf von Fisch bei der Fischereigenossenschaft von Bougouni zwar oft sehr gut funktioniert, jedoch gibt es zeitweise einen Mangel an Fisch, da die Teiche und der Fluss wo die Fische gefangen werden weit von der Stadt entfernt liegen. Mit dem Geld aus der WASA-Gruppe, konnte sie ihren wirtschaftlichen Aktivitätsradius erweitern. In Verbindung mit dem Verkauf von Fischen aus Bougouni reist sie jede Woche nach Bamako (170 km entfernt), um dort eingefrorene Meeresfische für den Verkauf in Bougouni zu erwerben.

Pro Woche verkauft sie normalerweise 150 kg, welche sie in Bamako gekauft hat. Die kleinen Fische wie die „Pla Pla" kauft sie für 0.80 Fr. den Fischern ab und verkauft sie für 1.20 Fr weiter. Die grossen Fische, wie die roten Karpfen, die „Korofkofo", der Kapitänsfisch und der „Bama" kauft sie für 1.20 Fr. und verkauft ihn für 1.50 Fr. weiter.

Mah denkt daran ihr Warenangebot mit den zukünftigen Krediten der Spar- und kreditgruppe WASA zu erweitern und auch Kleider, Geschirr aus Bamako. in Bougouni zu verkaufen könnte.

Die Fischerei-Genossenschaft Bougouni

Die Genossenschaft saniert Fischteiche in der Region. Für die Finanzierung kontaktierte sie zunächst Kooperative Banken und MikroFinanzinstitute kontaktiert, erhielt jedoch jedoch negativen Bescheid.

Ein Großteil der Fische, welche in Bougouni konsumiert werden, wird aus Mopti importiert, hauptsächlich geräucherter und getrockneter Fisch. Die Nachfrage nach frischem Fisch aus der Region ist indessen gross.

Mit der Gründung einer Spar- und Kreditgruppe im dezember 2010 innerhalb der Genossenschaft konnte diese die Finanzierung der Sanierung von zwei regionalen Fischteichen sicherstellen. Die Teiche sind heute in Betrieb, ca. 80 Kilometer entfernt, im Wald von Dogo-Sanso. 26 interessierte Genossenschafter sind während 3 Monaten im Betreiben einer Spar- und Kreditgruppe ausgebildet worden. Themen waren u.a. die Selbstevaluation und Auswahl der Mitglieder, die Gestaltung von Gruppensitzungen, Führungsfragen, Kapital und Zinsen, die Geschäftsordnung, die Buchhaltung. Nach der Ausbildung unterstützte der Trainer die Gruppe für einige Monate um zu überwachen, dass mit der Kreditvergabe und der Buchhaltung alles reibungslos ablief. In dieser Gruppe erhält der Trainer 30 Fr. pro Jahr als Entschädigung.

Ein Beispiel: Die Gruppensitzung vom 25. Mai 2011

Die Nachfrage nach Krediten war in den ersten Monaten nach der Gründung höher als die bis dahin getätigten Ersparnisse. Fast alle Kreditanträge mussten daher bisher abgelehnt werden.

In der Sitzung vom 25. Mai wurden aber aufgrund des angewachsenen Sparkapitals 14 Kredite im Gesamtbetrag von 260 Franken gewährt: so für einen Gewürzhandel, für den Einkauf von Netzen, für den Einkauf von Fischen, für ein Nahrungsmittelgeschäft, für bauliche Renovationen.

Die Fischereigenossenschaft informiert über ihren Plan, für ein weiteres Teichprojekt in der Nähe bei der Gruppe einen Kredit aufzunehmen und diesen mit einem monatlichen Zins von 10% zurück zu zahlen. Später soll auch eine Wasserpumpe angeschafft werden. Die Gruppenmitglieder können so unmittelbar erkennen, wofür ihr Ersparnisse eingesetzt werden und ob sie mit der Rückzahlung von Kapital und Zinsen rechnen können.