Sozialer Status der Berufsbildung in der Schweiz

Analyse der Bestimmungsfaktoren und zeitlichen Entwicklung des sozialen Status der Berufsbildung

Hintergrund

Die Berufsbildung ist in der Schweiz bei Weitem der von Jugendlichen bevorzugte Bildungsweg. So hat auch im Qualifikationsprofil von Schweizer Unternehmen die Mehrheit der Mitarbeitenden eine Berufsbildung abgeschlossen. Schweizer Zeitungen berichten jedoch zunehmend vom tiefen sozialen Status der Berufsbildung im Vergleich zur gymnasialen und akademischen Ausbildung.


Dies widerspiegle sich einerseits im grossen Andrang an die Gymnasien und andererseits in den Schwierigkeiten der Firmen bei der Suche nach Berufslernenden mit hohen schulischen Kompetenzen. Aus wissenschaftlicher Sicht ist nur wenig zum sozialen Status der Berufsbildung, das heisst zu deren relativen Positionierung im Vergleich zu anderen Bildungsgängen, bekannt.

 

Forschungsdesign und -methodik

Vor diesem Hintergrund untersuchte der Forschungsbereich Bildungssysteme der KOF Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich die zeitliche Entwicklung des sozialen Status der Berufsbildung in der Schweiz sowie dessen Bestimmungsfaktoren anhand einer neuen Messgrösse. Diese Messgrösse basiert auf der Annahme, dass sich mit einem höheren sozialen Status der Berufsbildung schulisch bessere Jugendliche für eine Berufslehre entscheiden – sofern die anderen Rahmenbedingungen gleichbleiben. Dies widerspiegelt sich darin, dass die relativen schulischen Kompetenzen, gemessen anhand von PISA Kompetenzen, von zukünftigen Berufslernenden im Vergleich zu denjenigen von zukünftigen Gymnasiast/innen ansteigen.

Wichtigste Forschungsergebnisse

Die Analysen zeigen, dass sich der soziale Status der Berufsbildung in der Schweiz zwischen 2000 und 2012 nicht geändert hat. Dies überrascht angesichts der oben erwähnten Diskussion in Zeitungen und deutet darauf hin, dass die Reformanstrengungen und Informationskampagnen zur Berufsbildung einer Abwertung des sozialen Status der Berufsbildung entgegenwirken konnten.

Hingegen ist der soziale Status der Berufsbildung nicht in allen Regionen gleich. So schätzen Jugendliche auf dem Land den sozialen Status der Berufsbildung eindeutig höher ein als diejenigen in der Stadt. Was die Sprachregionen betrifft, ist der soziale Status der Berufsbildung mit der hier verwendeten Messgrösse erstaunlicherweise am tiefsten in der Deutschschweiz. Dies bedeutet, dass die relativen Kompetenzen der angehenden Berufslernenden im Vergleich zu angehenden Gymnasiast/innen in der Deutschschweiz tiefer sind als in der lateinischen Schweiz. Dabei sind die Kompetenzen der angehenden Berufslernenden in der ganzen Schweiz in etwa gleich hoch, während die Kompetenzen der zukünftigen Gymnasiast/innen in der Deutschschweiz um einiges höher sind als in den anderen Sprachregionen.

Auch die kulturelle Herkunft hat einen Einfluss auf die Einschätzung des sozialen Status der Berufsbildung. So ist dieser höher aus der Sicht von in der Schweiz geborenen Jugendlichen als von Jugendlichen, die im Ausland geboren sind. Allerdings gleicht sich die Wahrnehmung der immigrierten Jugendlichen mit zunehmendem Aufenthalt in der Schweiz den anderen an. Es ist deshalb anzunehmen, dass der unterschiedliche Wissensstand zum Bildungssystem und damit auch zu den Vorzügen der Schweizer Berufsbildung ein möglicher Grund für den unterschiedlichen sozialen Status der Berufsbildung ist.

Publikation:
Der soziale Status der Berufsbildung in der Schweiz,
ETH Zürich, April 2018

Im April 2018 publizierte die KOF Konjunkturforschungsstelle, ETH Zürich, als ein Ergebnis der Forschungsprojekts eine Informationsbroschüre für Fachleute aus der Berufsbildung unter dem Titel "Der soziale Status der Berufsbildung in der Schweiz".

Die Wertschätzung der Berufsbildung und deren Bestimmungsfaktoren stehen im Fokus. Die Autoren Dr. Thomas Bolli, Ladina Rageth und Dr. Ursula Renold haben ein Konzept zur Messung des sozialen Status der Berufsbildung entwickelt.

Die Analysen basieren auf Daten der Internationalen Schulleistungsuntersuchungen PISA. Beigezogen wurden die Daten von rund 63000 Schülern der 9. Klasse, die in den Jahren 2000, 2003, 2006, 2009 und 2012 an den PISA-Tests teilgenommen haben. Die Schüler haben angegeben, ob sie im Anschluss an die obligatorische Schulzeit ein Gymnasium, eine Fachmittelschule, eine Berufsausbildung oder eine berufliche Vollzeitschule besuchen wollen.

Ein Zwischenbericht zum Forschungsprojekt wurde im Juni 2016 unter dem Titel "Leistungsstarke Jugendliche stärken das Ansehen der Berufsbildung" in der Zeitschrift "Die Volkswirtschaft" des Staatssekretariats für Wirtschaft SECO publiziert. In einer Infografik sind zudem die wichtigsten Ergebnisse auf einer Seite anschaulich zusammengefasst.

Partner

Das Projekt wurde vom Forschungsbereich Bildungssysteme der KOF Konjunkturforschungsstelle an der ETH Zürich durchgeführt. Vertragspartner der Hirschmann-Stiftung ist die ETH Foundation Zürich.

Die Hirschmann-Stiftung engagiert sich für diese Berufsbildungs-Forschung 2014 bis 2021 mit CHF 300‘000.

Website: www.kof.ethz.ch/forschung.html