Biomarker orientierte Diagnostik und Therapie bei ADHS und Komorbidität

Schlussbericht 2018
aufgrund von Ausführungen von Dr. Andreas Müller, CEO Gehirn- und Traumastiftung Graubünden


Das von der Hirschmann-Stiftung 2014 - 2018 geförderte Projekt der Gehirn- und Traumastiftung Graubünden verfolgte folgende Ziele:

  • Erforschung von ADHS und Begleitstörungen über die Lebensspanne von 7-55 Jahren
  • Erforschung von Biomarkern unter Einschluss von Neurophysiologie, Blutwerten und Genetik in einem naturalistischen Forschungsdesign
  • Beschreiben der Entwicklung jedes Studienteilnehmers innerhalb von zwei Jahren
  • Erforschung der Variablen, welche die Entwicklung während dieser zwei Jahre wesentlich beeinflussen

Die Gehirn- und Traumastiftung erarbeitete die Studie "Biomarker orientierte Diagnostik und Therapie bei ADHS und Komorbidität" in Zusammenarbeit mit der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich.


Biomarker

Die evidenzbasierte medizinische Abklärungspraxis setzt mit verschiedenen chemischen und physiologischen Parametern biologische Hinweise mit dem Verhalten und subjektivem Erleben des Patienten in Verbindung. Hingegen werden in der psychologischen Abklärungspraxis biologische Parameter bisher selten integriert.

Diese Lücke versucht der Einbezug von Biomarkern in Kombination mit der psychologischen Abklärungspraxis zu schliessen.

Biomarker bezeichnen biologische Messgrössen, die Zusammenhänge zwischen elektrophysiologischen Parametern und spezifischen psychiatrischen Erkrankungen aufzeigen können.

Die bisherige Forschung zeigt auf, dass es den Biomarker für einzelne mentale Störungen nicht gibt. Biochemische Analysen führen zu völlig anderen Ergebnissen als es neurophysiologische Methoden tun.

Neuer Ansatz auf der Basis grösserer Stichproben

Mittels einer zugelassenen Methodik werden grössere Stichproben von Betroffenen und Gesunden nach wissenschaftlichen Kriterien erhoben. Daraus resultiert eine Vielzahl von relevanten Variablen der biologischen Informationsverarbeitung. Die Daten der zu vergleichenden Gruppen werden dann in einem Klassifikationsprozess solange gegeneinander abgewogen, bis die bestmögliche Trennung der beiden Gruppen erfolgt ist.

Ziel ist es, nicht einzelne Variablen zu finden, sondern Variablenkombinationen, welche als komplexe gemeinsame Funktion die möglichst gute Separation der beiden Gruppen aufzuzeigen vermag.

Die Werte sind abhängig von den Stichproben. Wenn die Stichproben nicht mit grösster Sorgfalt erhoben werden, schleichen sich Fehler ein, welche zu falschen Ergebnissen führen.

Ausserdem bedarf es einer umfangreichen Testung der Ergebnisse in Anwendung mehrerer Klassifikationsmethoden, bis stabile und gesicherte Ergebnisse vorliegen.

Gewählte Stichprobengrösse

Die gewählte Stichprobengrösse von ca. 500 Personen mit ADHS sowie 250 gesunden Kontrollpersonen erscheint ausreichend. Fünf Folgeuntersuchungen der ADHS-Population und drei Folgeuntersuchungen der Kontrollgruppe ermöglichten, die Diagnose immer wieder zu überprüfen.

Die Klassifikationen hat ein Dreierteam von Sachverständigen vorgenommen. Dabei wurden die Daten mittels 160 Klassifikationsmethoden getestet.

Die erreichten Klassifikationen zeigen Werte von je 80% Sensitivität und Spezifizität.

Anwendung

Neuroalgorithmen sind Mosaiksteine im diagnostischen Prozess. Kognition, Fühlen und Verhalten stehen in einem Interaktionsprozess mit neurobiologischen Voraussetzungen. Das Verstehen der biologischen Daten des Patienten ermöglicht Einsichten in die verschiedenen Hirnfunktionen.

Auf der Grundlage der Daten des ADHD-Projektes Klassifikatoren erarbeitet, welche die Gruppe der ADHD-Betroffenen von der Gruppe der Gesunden zu trennen vermögen.

Stabilste Methode ist die regularisierte lineare Regression. Die Daten von neuen Patienten können mit den Neuroalgorithmen verglichen werden. Die Übereinstimmungsgrade gehen von keiner Übereinstimmung (unter 50 %), leichte Übereinstimmung (50-65 %), mittlere Übereinstimmung (65-80 %) bis zu grosse Übereinstimmung (über 80 %).

Klinische Praxis

Mit grosser Vorsicht wird der ADHD-Index seit Frühling 2017 für viele Patienten klinisch angewendet. Die ersten Ergebnisse zeigen an ca. 300 Patienten ein positives Fazit. In über 90 % der Fälle stimmen die Ergebnisse mit den Schilderungen der neuen Patienten überein.

Anhand von 30 einheitlich diagnostizierten Patienten mit der Hauptdiagnose ADHD wurde der ADHD-Index erstmals kritisch hinterfragt. Die vom Facharzt unabhängig erstellten Diagnosen wurden durch den ADHD-Index zu 100 % bestätigt:

  • bei 15 Patienten ergibt sich eine leichte Übereinstimmung (Wahrscheinlichkeit zwischen 50 % und 65 %)
  • bei 11 Patienten eine mittlere Übereinstimmung (Wahrscheinlichkeit zwischen 65 % und 80 %) und
  • bei 4 Patienten eine hohe Übereinstimmung (Wahrscheinlichkeit zwischen 80 % und 100 %)

Kritik

Die erzielten Ergebnisse müssen sich selbstverständlich auch der Kritik stellen. Als Gegenargumente werden geltend gemacht:

  • Mensch wird durch Maschine ersetzt
  • Neuroalgorithmen könnten missbraucht werden
  • Neuroalgorithmen sind derzeit noch nicht ausreichend überprüft

Wie geht es weiter?

Der ADHD-Index muss getestet und verbessert werden. Das Angebot einer Forschergruppe von Harvard, Boston, den Index testen zu wollen, wurde gerne angenommen.

Um eine verbesserte Einsicht in mögliche Behandlungsaspekte zu erlangen, müssen Subtypen entwickelt werden.

Aussagen zu positiven und problematischen Entwicklungsverläufen müssen möglich sein.

Folgeprojekt

Das Folgeprojekt hat folgende Ziele:

  • Bekannt machen der Ergebnisse der Studie, je getrennt für Ärzte, Psychologen, Krankenkassen, Versicherungen, Betroffene/Patienten, Öffentlichkeit.
  • Entwickeln von Bewusstsein und Sensibilität bei potentiellen Anwendern durch interaktive Beteiligung nach Zusendung von Informationen.
  • Fördern der biomarker-orientierten/biomarker-ergänzenden Diagnostik, evidenzbasierten Diagnostik bei mentalen Störungen, insbesondere bei ADHD durch interaktive Beteiligung der Nutzer.
  • Validieren und Anpassen der Konzepte an die Bedürfnisse der Nutzer
  • Fördern der auf einer evidenzbasierten Diagnostik ausgerichteten Behandlung bei mentalen Störungen.